The Corner – David Simon

9 Sep

awesomatik auf Buchfühlung
The Corner
– David Simon & Ed Burns

In diesem Ziegelstein von einem Buch (628 Seiten) geht es um die Drogenkultur eines Brennpunktviertels in Baltimore, Maryland (aufgrund der hohen Mordrate auch „Bodymore, Murderland“ genannt). Reporter David Simon und Ex-Polizist Ed Burns haben ein Jahr lang als „embedded journalists“ den Alltag einer zerrütteten Familie begleitet.  Im Mittelpunkt stehen die drogenabhängigen Eltern und ihr dealender Sohn sowie Menschen aus ihrem Umfeld: Junkies, Sozialarbeiter, Polizisten.

Wer die Serie „The Wire“ gesehen hat, weiß um die Qualität der Arbeit von Simon und Burns. Wer einmal in die Lebenswelt der Charaktere eintaucht, den lässt die Straße nicht mehr los.
In “ The Corner“ werden Individuuen, die sonst nur als Statistik in der Zeitung auftauchen, Junkies, Dealer und Gewalttäter als das dargestellt, was sie eigentlich sind, nämlich Menschen. Menschen, die von klein auf von ihrem Umfeld geprägt wurden. Einem Umfeld, dass außer den „Corners“, dem Drogengeschäft, wenig Perspektive bietet. Einem Umfeld, das von der Politik abgeschrieben und sich selbst überlassen wurde. Eine Sackgasse aus dem nur die Wenigsten einen Ausweg finden.
Simon und Burns begleiten ihre Hauptcharaktere durch alle Höhen und Tiefen und treten zwischendurch einen Schritt zurück um die gesellschaftlichen Zusammenhänge zu analysieren, die ganze Städte dazu bringen einen Großteil ihrer Bewohner abzuschreiben. Baltimore liegt zwar im Fokus, steht aber stellvertretend für die Missstände und Fehlentwicklung sämtlicher amerikanischer Großstädte.
Wie schon in „The Wire“ nehmen sich Simon und Burns sehr viel Zeit, um die persönliche Entwicklung ihrer Protagonisten darzustellen. Ein Jahr haben sie mit Ihnen gemeinsam verbracht, die Lebenläufe aber bis 15 Jahre nach Abschluss des Buches verfolgt.  Während es bei „The Wire“ um die Darstellung vielschichtiger Zusammenhänge ging, von der Drogenkultur über die Politik zur Sozialarbeit vom Schulsystem über die Arbeiterklasse und die Medien, so dreht sich die Handlung in „The Corner“ fast auschließlich um Drogenabhängige und ihren „daily struggle“ – die tägliche Jagd auf den „Schuss“. Um Beschaffungskriminalität, den langen Weg durch die Rehabilitation und den Rückfall zum Heroin.

„We sitting here day after day making ourself a little bit less human“
Gary McCullough (The Corner)

Fazit
Insgesamt kann ich das Buch uneingeschränkt empfehlen. Zum besseren Verständnis rate ich aber jedem vorher unbedingt die Serie „The Wire“ zu schauen, da man sonst vermutlich viele Dinge, die im Zusammenhang mit dem Drogenmilieu stehen, nicht ohne weiteres versteht. Die Geschichte ist nicht ganz so komplex, spannend und dramatisch wie „The Wire“ aber sie beantwortet einem viele Fragen, die die Serie aufgeworfen hat.

Trotz des harten Themas, war das Buch für mich nicht deprimierend zu lesen, da man sich gut mit den Hauptpersonen identifizieren kann. Man leidet und freut sich mit Ihnen und wünscht jedem einzelnen den Ausweg aus der persönlichen Hölle zu finden.  Simon und Burns ist es gelungen ein unprätentiöses, ehrliches Werk über den Alltag von Drogenabhängigen in Baltimore zu schreiben, das abseits von schwarz-weiß Malerei und technokratischen Phrasen die komplexen Ursachen für die Entstehung eines Drogenmilieus analysiert. Eine humanistische Reportage von epischen Proportionen.

Einzig die Abschnitte, in denen Simon und Burns die Zustände der Charaktere in einen größeren gesellschaftlichen Rahmen stellen und analysieren, haben für mich den Lesefluss beeinträchtigt. Hier hätte ich mir eine andere Lösung gewünscht. Das Buch hätte zudem kürzer ausfallen können, da sich viele Abläufe wiederholen, ohne das sie zur Weiterentwicklung der Geschichte beitrügen. Dies hängt natürlich mit dem Alltag der Hauptpersonen zusammen. Es wird deutlich, dass den Autoren die Menschen, über die sie berichten ans Herz gewachsen sind. Besonders interessant fande ich das Nachwort, indem die Autoren die eigentliche Arbeit an dem Buch beschreiben. Diesen Teil hätte ich mir ausführlicher gewünscht.

„The Corner“ wurde als Miniserie (6 Folgen) für HBO verfilmt, die ich allerdings (noch) nicht gesehen habe. Momentan lese ich  das erste Buch von David Simon: „Homicide – a year on the killing streets“ über eine Mordkommission in Baltimore. Mehr dazu bald an dieser Stelle.  Im Vorwort beschreibt Richard Price  wie  die  Tätigkeit als  „embedded journalist“ für David Simon selbst zur Droge werden kann. Für mich überträgt sie sich ungestreckt auf den Leser. Nach „Homicide“ gehe ich erst mal auf Entzug, versprochen!

Wertung 4/5

1. Geht gar nicht     2. Is OK     3. Gut    4. Richtig gut     5. awesomatik!

awesomatik Kuriosum
Hier der Song zum Titel:

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The Corner

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4 Antworten to “The Corner – David Simon”

Trackbacks/Pingbacks

  1. Through The Wire « - 9. September 2010

    […] Pflichtlektüre für jedermann, ob Politiker, Soziologen oder „The Wire“-Fans. Hier gibt’s meine Buchkritik zu „The […]

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  2. Homicide – A year in the killing streets « - 5. Oktober 2010

    […] ich mehr. Ich habe daraufhin David Simon und Ed Burn’s „The Corner“ gelesen (Hier geht’s zu meiner Rezension) und bin im Anschluss auf das Buch „Homicide“ […]

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