Die Wahrheit ist ein Land ohne Wege

8 Okt

Das Ende is mein Anfang, Tiziano Terzaniawesomatik auf Buchfühlung
Das Ende ist mein Anfang –
Tiziano Terzani

Tiziano Terzani, Asien-Korrespondent vom Spiegel liegt im Sterben und bittet seine Familie zu sich. Gemeinsam mit seinem Sohn möchte er noch einmal auf sein ereignisreiches Leben zurückblicken, um ihm und der Nachwelt die daraus gewonnen Erkenntnisse zu übermitteln. Herausgekommen ist ein Dialog zwischen Vater und Sohn, den Folco Terzani nach dem Tod seines Vaters niedergschrieben und veröffentlicht hat.

Im ersten Teil beschreibt Terzani wie er in der Nähe von Florenz in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist und von klein auf den Wunsch hatte aus seinem Umfeld auszubrechen und neue Wege zu beschreiten. Nach einem erfolgreichen Abschluss der Schule, schafft er es ein Stipendium zu ergattern, zu studieren und als Schreibmaschinenvertreteter erste Reisen zu machen. Als überzeugter Kommunist zieht es ihn schnell nach Asien. Nachdem er vom Spiegel einen Stelle als Asien-Korrespondent angeboten bekommt, beginnt er gemeinsam mit seiner Familie eine Odyssee durch Asien. Vietnam, Laos, Kambodscha, Singapur, Hongkong, China, Japan und schließlich Indien und Nepal. Als Vollblutjournalist setht er stets hautnah bei historischen Großereignissen an forderster Front. Dabei bringt er sich häufig auch in Lebensgefahr  z.B. bei der Einnahme von Saigon, oder während der Abschottung von Kambodscha durch die roten Khmer etc.
Als Leser erscheint einem das reichlich rücksichtslos. Schließlich hat er eine Familie mit zwei Kindern und könnte sich dementsprechend vorsichter verhalten. Überhaupt kommt Terzani wie ein Übervater daher, der stets macht was ihm gefällt und der Familie wenig Entscheidungsfreiheit gewährt. Alles dreht sich um ihn. Will er nach China, müssen alle mit. Möchte er drei Monate alleine durch asiatische Krisengebiete reisen, muss seine Frau das abnicken. So ist sie z.B. alleine mit den Kindern in Singapur, während ihr Gatte opiumrauchend Bordelle in Vietnam besucht.  Dabei beschreibt er seinem Sohn teils selbstverherrlichend seine journalistischen Großtaten, dass es einem manchmal bitter aufstößt. Ironischer Weise dreht sich nicht nur im Leben sondern auch im Sterben alles um den Papa.
Tiziano Terzani
Dennoch sind diese Eskapaden erstaunlich interessant  zu lesen und man lernt nebenbei einiges über asiatische Lebensweisen und geschichtliche Zusammenhänge. Nach einer midlife crisis in Japan, scheint bei Terzani ein Umdenken stattzufinden. Enttäuscht vom Kommunismus und dem politischen und journalistischen Tagesgeschäft, wendet er sich den großen Fragen unseres Lebens zu. Hier nimmt das Buch wieder an Fahrt auf. Auch wenn ich nicht zu den entlegensten Orte dieser Erde fahren musste, um die gleichen Schlüsse wie Terzani zu ziehen, so teile ich doch ein Großteil seiner Philosophie. z.B. das man sich als Mensch nicht so sehr mit den alltäglichen Zwängen beschäftigen sollte, sondern stets einen Schritt zurück machen sollte, um den Blick auf die wichtigen Dinge nicht zu verlieren. Wenn es die Arbeit, die man machen möchte nicht gibt, dann muss man sie erfinden. Auch seine Kritik an der Moderne und an unserer Konsumgesellschaft kann ich gut nachvollziehen auch wenn sie hier manchmal bitter gepredigt wird. Überhaupt scheint mir Terzani nicht begriffen zu haben, dass er einen Großteil seiner Unabhängigkeit und seines Freigeistes der modernen Demokratie zu verdanken hat, die er im Gepräch mit seinem Sohn nur als seelenlose technokratische Konsumgesellschafft verdammt.
Das Ende stimmt mich aber versöhnlich. Seine pazifistische Grundhaltung und der erfreulich entspannte Umgang mit dem Tod zeugen von  einer beeindruckenden Persönlichkeit und zwingen einen zur Auseinandersetzung mit den wichtigen Fragen unseres Lebens.

Fazit – Versöhnung mit dem Leser
Obwohl oder weil ich manchmal Lust hatte beim Lesen das Buch in die Ecke zu feuern, kann ich es jedem dringend empfehlen. Man wird ermutigt sich  Sinnfragen zu stellen und dazu bewegt zu diversen Themen Stellung zu beziehen. Nebenbei geht man mit Terzani auf die Reise zu den exotischsten Plätzen dieser Erde und schließlich auf die Reise zu sich selbst. Und mehr kann man von einem Buch nicht erwarten.

Wertung 4/5

1. Geht gar nicht     2. Is OK     3. Gut    4. Richtig gut     5. awesomatik!

awesomatik Kuriosum
Im Buch kommt mir Folco Terzani als Interviewer manchmal geradezu dümmlich/naiv vor. Als ob er nicht mit der Größe seines Vaters umgehen könnte. Nachdem ich aber diverse Videos gesehen habe, scheint er doch ein ganz aufgewecktes Kerlchen zu sein, der nicht allzusehr unter  der Erziehung seines Vater gelitten hat (obwohl der ihn auf eine kommunistische Schule in China geschickt hat!).

Hier gibt es ein schönes Interview mit ihm!


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Das Ende ist mein Anfang: Ein Vater, ein Sohn und die große Reise des Lebens


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9 Antworten to “Die Wahrheit ist ein Land ohne Wege”

  1. lomoherz 26. November 2012 um 09:40 #

    Kam nicht gestern oder so der Film dazu? Mit Bruno Ganz als Taziano Terzani?

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    • Ken Takel 26. November 2012 um 11:30 #

      Mist, das hab ich dann wohl verpasst. Wobei ich auch gehört habe, dass er nicht so gut sein soll.

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      • lomoherz 26. November 2012 um 11:35 #

        Kann ich leider nicht beurteilen. Habe nur beim Durchblättern meiner TV-Zeitschrift Titel und Schauspieler wahrgenommen und jetzt stolpere ich hier über deinen Post…was für ein Zufall!

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      • Ken Takel 26. November 2012 um 11:41 #

        Also das Buch kann ich empfehlen. Wie du siehst :o)

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