Der Wolkenatlas

28 Feb


awesomatik auf Buchfühlung
Cloud atlas – David Mitchell

Der Wolkenatlas beschreibt in sechs autonomen Erzählungen, die vom 19. Jahrundert bis in eine postapokalyptische Zukunft reichen, die Geschichte von sechs Leben. Sechs Protagonisten getrennt durch Raum und Zeit und doch inhaltlich verbunden durch ein Thema: den Aufstieg und Niedergang unserer Zivilisation, verursacht durch das ewige Streben des Menschen nach Macht…

Ich habe dieses Buch gewählt, weil es in meiner goodreads „to-read“-Liste das höchste Ranking hatte und auch im Netz kaum eine schlechte Kritik zu finden war. „Klare Sache Ken, das musst du lesen“, dachte ich. Niemals hätte ich erwartet, dass mich dieser Roman soviel Zeit und Konzentration kosten würde. Denn was einen zwischen den blumig-türkis designten Buchdeckeln erwartet, ist anspruchsvollste Lesekost.
Mitchell beginnt, den „Wolkenatlas“ mit dem pazifischen Tagebuch des Notars Adam Ewing, der im 19. Jahrhundert auf einem Schiff von Australien nach Kalifornien reist. Genau so spontan wie die Geschichte anfängt (nämlich mitten im Satz), so unvermittelt hört sie auch wieder auf und die nächste Erzählung beginnt. So geht es immer weiter bis alle sechs Geschichten zur Hälfte erzählt wurden. Im zweiten Teil des Buches werden die Abenteuer in umgekehrter Reihenfolge zu Ende erzählt. Dabei greifen die Geschichten  ineinander bis zu guter letzt das Episodenmosaik ein großes Ganzes bildet. Da es meist keine zeitlich und räumliche Überschneidungen gibt, beschränkt sich das Ineinandergreifen der Episoden auf Anspielungen und Verweise.

Diese eigenwillige Erzählweise führt dazu, dass der Leser bis zur Hälfte des Buches  (circa Seite 325!) immer noch nicht so richtig weiß, worum es eigentlich geht. Die wirkliche Herausforderung (vor allem, wenn man das Buch im Original liest) liegt aber nicht in der Struktur sondern im Schreibstil. Für jeden Erzählstrang verwendet Mitchell eine eigene, meist sehr anspruchsvolle Ausdrucksweise, sei es das Englisch des 19. Jahrhunderts oder ein fiktives Englischderivat aus einer dystopischen Zukunft. So muss man sich zunächst mühevoll in jede Geschichte einlesen. Hat man sich schließlich mit dem Stil vertraut gemacht, beginnt die nächste Episode und man fängt wieder von vorne an. Dies führt vor allem im ersten Teil zu Frustration und Ermüdung.

Fazit – Heiter bis wolkig

Die angesprochenen Leseerschwernisse sind gleichzeitig das Interessante an diesem außergewöhnlichen Werk. Obwohl man als Leser in der Anfangsphase im dunkeln tappt, weckt die ungewöhnliche Erzählstruktur die Neugier. Was haben die Briefe eines gescheiterten Komponisten um 1930 mit einer geklonten Fast-food Mitarbeiterin der Zukunft zu tun?  Auf den ersten Blick könnten die einzelnen Episoden nicht unterschiedlicher sein. Bei genauerer Betrachtung merkt man aber,  wie Mitchell über einen Zeitraum von 1000 Jahren einen Kreislauf aus Macht und Unterdrückung spinnt, indem sich die Geschichte wiederholt. Dabei setzt Mitchell gekonnt humoristische Akzente, um die Dramatik des Inhalts aufzubrechen.
Überhaupt ist  er ein begnadeter Schriftsteller und stellt dies im kreativen Umgang mit der Sprache unter Beweis. In diesem Zusammenhang haben mich vor allem die Episoden Briefe aus Zedelghem sowie das grausige Martyrium des Timothy Cavendish begeistert. Die chronologisch letzte Geschichte Sloosha’s Crossin‘ un wies weiterging war dagegen lesetechnisch die reinste Tortur. (Detaillierte Infos zu den 6 Geschichten auf Wikipedia)
Insgesamt ein interessantes literarisches Experiment, dass allerdings nur teilweise aufgeht. 

Wertung 2,9/5

1. Geht gar nicht     2. Is OK     3. Gut    4. Richtig gut     5. awesomatik!

PS: Es gibt Bücher, die einem beim Lesen wenig Freude bereiten und die trotzdem großartig sind. Dazu zählt für mich z.B. auch Menschenkind von Toni Morrison.

awesomatik Kuriosum
Der Wolkenatlas wird verfilmt. Und zwar von keinem geringeren als Tom Tykwer (Lola rennt, das Parfum) & den Wachowski Brüdern (Matrix)! Details gibt’s auf Slashfilm. Auf dieses Projekt darf man wirklich gespannt sein.


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Der Wolkenatlas

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9 Antworten to “Der Wolkenatlas”

  1. Michael 2. März 2011 um 16:16 #

    So, jetzt aber. Ich werde hier zu einem Stammgast, scheint es. Aber hier muss es einfach sein. Ich möchte die zwei fehlenden Punkte bei 3 von 5 aufstocken.

    Cloud Atlas ist eines der besten Bücher, die ich jemals gelesen haben. Jemals. David Mitchell gehört mit Michael Chabon und (jawoll) Thomas Pynchon zu den drei besten zeitgenössischen Schriftstellern. Vor David Mitchell geht meine Bewunderung wirklich auf die Knie. Er ist ein großartiger Erzähler, der Genres mit einer Leichtigkeit wechselt und ausfüllt, die zur Zeit von kaum jemand erreicht wird.

    Jeder einzelne Roman von Mitchell ist ein literarisches Ereignis, Black Swan Green zum Beispiel, oder Ghostwritten … das sind wirklich bedeutungsvolle Romane mit einer scheinbaren Unbemühtheit, wie sie nur die ganz Großen erreichen. Kann man überhaupt besser schreiben?

    Hab ich was vergessen? Nein?
    Dann ist gut.

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  2. Michael 2. März 2011 um 16:24 #

    Ah, ich hab doch was vergessen.
    Ist das nicht ein geiles Coverdesign?

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  3. Ken Takel 2. März 2011 um 17:45 #

    Stammgäste sind hier immer gern gesehen!
    Ich muss dir mal wieder zustimmen. Mitchell ist wirklich ein ganz großer Schriftsteller. Dennoch hat mich das Buch sehr viel Kraft gekostet und ich finde, dass das Konzept nur teilweise aufgegangen ist. Ich wollte nicht zu sehr ins Detail gehen aber z.B. meine Lieblingsepisode „Briefe aus Zedelghem“, die übrigens laut Mitchell lose auf dem Buch „Delius, how I knew him“ von Fenby basiert, macht für mich in der Gesamtstruktur nicht wirklich Sinn. bzw. wirkt sie sehr eigenständig.
    Ich bin jedenfalls sehr gespannt auf die Verfilmung und denke, dass da mit Tykwer und den Wachowskis auch die richtigen Leute am Hebel sitzen.
    Das Cover gefällt mir auch gut. Jedenfalls das der original Version. Buchdeckel aus dem englischsprachigen Raum sind ja meist viel schöner…

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  4. Ken Takel 2. März 2011 um 17:48 #

    Ach jetzt hab ich auch noch was vergessen. Habe inzwischen „The Transcendent Man“ gesehen. Kann ich nur empfehlen.

    http://www.crackajack.de/2011/03/02/singularity-doku-online-transcendent-man/

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  5. Yvonne (@Ivyesque) 10. Juni 2012 um 22:48 #

    Für mich eins der besten Bücher überhaupt (meine Rezension hier: http://www.leselink.de/buecher/dystopie/der-wolkenatlas.html). Meiner Meinung nach stimmt hier alles: Inhalt, Sprache, Struktur, und David Mitchell schafft es wie immer, mich bis zur letzten Seite zu fesseln.

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  6. aboutsomething 30. Dezember 2012 um 13:37 #

    Ich muss mich meinen Vor-Kommentatoren anschließen: „Der Wolkenatlas“ war dieses Jahr wirklich das beeindruckendste und gelungenste Buch der 64, die ich las! Ich verstehe, dass es am Anfang mühsam erscheinen mag, wenn man aber über die Hälfte hinaus ist und sich durch die Sprachspezialitäten im Mittelteil (Slooshas crossin`) durchgewühlt hat, ist es einfach nur noch genial… Ich war einfach neugierig und empfand es als angenehm anspruchsvoll :) LG Laura von aboutsomething

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  7. Jan 6. Mai 2013 um 10:41 #

    Für mich eines der tollsten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Kann aber verstehen, dass es ein wenig spaltet. Meine Freundin konnte es nicht zu Ende lesen, weil sie es so traurig fand.

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