Schande – J.M. Coetzee

1 Jun

Schande
awesomatik auf Buchfühlung
Schande – J.M. Coetze

Literaturprofessor David Lurie fällt wegen einer Affäre mit einer Studentin in Ungnade, zieht sich auf die entlegene Farm seiner Tochter zurück und erlebt dort einen Alptraum der Gewalt.
Der Roman, der im Südafrika der Nach-Apartheid-Zeit spielt,  ist die Geschichte einer Lebenskrise, einer Bewusstwerdung und einer Neuorientierung.

Wie schon anderortens erwähnt nutze ich regelmäßig die Buchplattform goodreads.com, wo ich meine gelesenen Bücher katalogisiere, to-read Listen anfertige und mich über buchbezogene Themen austausche. Wie in anderen social networks gibt es auch hier Gruppen. Neuerdings bin ich Mitglied einer solchen geworden. In dieser „Leserunde“ schlagen die Teilnehmer Romane vor, die dann gemeinsam gelesen werden. So geschehen mit „Schande“ von Literaturnobelpreisträger J.M. Coetze.

Schon zu Anfang wird klar, dass sich der Protagonist in einer Lebenskrise befindet. Seine Ehe ist gescheitert, die Befriedigung, die ihm seine Arbeit nicht mehr gibt, sucht er bei Prostituierten. Seine Unzufriedenheit und die daraus resultierende Sexsucht treiben ihn dazu ein Verhältnis mit einer Studentin einzugehen. Die Geschichte fliegt auf und er forciert den Rausschmiss aus der Universität, obwohl ihm die Kollegen einen Ausweg anbieten.
Daraufhin zieht er auf die Farm seiner Tochter Lucy.
Bis hierhin erzählt Coetze die relativ normale Geschichte eine Midlife-Crisis, wie sie schon unzählige Male geschrieben wurde.
Doch plötzlich wird die Farm überfallen. Seine Tochter wird vergewaltigt und er bei lebendigem Leibe angezündet. Da ich vorher nichts über das Buch wusste und auch nicht die Rückseite gelesen hatte, kam der Überfall für mich genauso überraschend wie für den Protagonisten.
Man könnte meinen dieser brutale Gewaltexzess rückt die bisherigen Probleme der Protagonisten in den Hintergrund aber das Gegenteil ist der Fall. Das ohnehin schon schwierige Vater/Tochter Verhältnis verschlimmert sich. Lucy fühlt sich als einzige Weiße auf dem Land schuldig und ergibt sich stoisch ihrem Schicksal. Für sie gehört das Land den Schwarzen und somit ist es ihre Bestimmung für die Verbrechen der Vergangenheit zu sühnen. Das treibt wiederum ihren Vater zur Rage, der die Tat allerdings selbst geradezu analytisch und gefasst verarbeitet. Lurie zieht sich in einer nahe gelegene Tierklinik zurück, wo er mit großer Hingabe Hundesterbehilfe leistet. Nebenbei versucht er eine Oper über Byron zu schreiben, in der er seine Probleme verarbeitet.

Bis zum Überfall wirkte der Roman stimmig aber nach der Hälfte verrennt sich Coetze in zu vielen Themen, wiederholt sich und kommt aus dem Erzählrhythmus.
Dass ausnahmslos alle Figuren unsympathisch sind, ist für mich weniger problematisch. Gravierender ist die Tatsache, dass das Verhalten einiger Charaktere nicht nachvollziehbar ist und teils konstruiert wirkt.
Die glasklare Schreibe Coetze hat mir dagegen zugesagt. Die Auseinandersetzung mit dem Thema „Schande“ auf verschiedenen Ebenen ist eindrucksvoll und das bedrohliche, von misstrauen zerfressene Klima der Post-Apartheid-Zeit wirkt authentisch und hinterlässt beim Leser ein beunruhigendes Gefühl. Die Wunden in Südafrika sitzen tief und die Konflikte sind nach dem Ende der Apartheid noch lange nicht gelöst.

Fazit
„Schande“ ist ein nicht ganz geglücktes Experiment zum Thema Schuld und Sühne. Das kompromisslose Verhalten der Protagonisten konfrontiert den Leser aber mit eigenen Ängsten und Vorurteilen.
Ein Roman, der angenehm unbequem ist, aneckt und herausfordert. Ein Roman, der trotz deprimierender Geschichte, aufgrund von Coetzes klinischem Schreibstil, leicht zu lesen ist.
Eine Lektüre wie ein Tritt in die Magengrube. Brutal, erschütternd, lesenswert.

Wertung 3/5

1. Geht gar nicht     2. Is OK     3. Gut    4. Richtig gut     5. awesomatik!

awesomatik Kuriosum
Der Roman wurde 2008 von Regisseur Steve Jacobs mit John Malkovich in der Hauptrolle verfilmt und hat den Kritikerpreis des Toronto Filmfestivals gewonnen:


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Eine Antwort to “Schande – J.M. Coetzee”

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