Große Erwartungen

31 Jan

awesomatik auf Buchfühlung
Große Erwartungen  – Charles Dickens

Als der Junge Philip Girrip, genannt Pip, auf dem Kirchfriedhof einem entflohenen Häftling in die Arme fällt, ahnt er noch nicht welche Auswirkungen diese Begegnung auf den weiteren Verlauf seines Lebens haben wird. Wenig später lernt er das hübsche Mädchen Estella kennen. Diese kommt aus gutem Hause und hat nur Verachtung für den Stiefsohn eines einfachen Schmiedes übrig. Fortan wünscht er sich aus seinen einfachen Verhältnissen auszubrechen um ein Gentleman zu werden. Doch wie heißt es so schön: Be careful what you wish for because it might come true. Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Ich versuche in meine Lese-Routine jährlich auch den einen oder anderen Klassiker einzubauen und dieses Mal ist meine Wahl mehr oder weniger zufällig auf dieses umfangreiche Werk gefallen. Ich kannte die  Geschichte nicht und habe mich vorurteilsfrei an die Lektüre gemacht. Der Start mit dem kleinen Pip, seiner tyrannischen Schwester, dem gutmütigen Stiefvater, den widerwärtigen Dorfbewohnern und dem gruseligen Sträfling versprach eine spannende Geschichte. Und als dann auch noch der Wunsch des Protagonisten nach einem Aufstieg in höhere Gesellschaftsformen durch einen anonymen Wohltäter in Erfüllung geht, hat auch der Leser große Erwartungen an das, was da so kommen möge…

Doch wie das Leben so spielt, werden nicht nur die Erwartungen des Protagonisten herbe enttäuscht. Auch der Leser muss sich fortan durch 300 Seiten mittelspannende Handlung durcharbeiten. Die obligatorische Entwicklung vom Dorfjungen zum neureichen Snob ist nicht besonders interessant und auch nie wirklich nachvollziehbar. Überhaupt bleibt die Motivation und Charakterentwicklung von Pip ein Mysterium. So wird er einerseits zum undankbaren Schnösel und pflegt anderseits echte Freundschaften mit sympathischen Personen wie Herbert und Wemmick. Das will einfach nicht zusammen passen. Diese Diskrepanz resultiert aus meiner Sicht vor allem aus der Erzählperspektive. Als Ich-Erzähler unterliegt Dickens automatisch bestimmten Zwängen, die einer ungeschönte, ehrlichen Darstellung von Pip letztendlich im Wege stehen.

Auch die bedingungslose Liebe zu Estella, die er als Junge ein paar mal trifft und die ihm nichts als Verachtung entgegenbringt ist für mich unbegreiflich. Natürlich haben wir uns alle schon mal bedingungslos verliebt und unsere Wünsche und Sehnsüchte auf das arme Gegenüber projiziert aber dass diese Frau Pips gesamtes Leben in dieser Dimension bestimmt (obwohl er augenscheinlich mehr Gefühle für seinen Mitbewohner Herbert empfindet) ist einfach nicht glaubhaft. Und ja, ich glaube, dass Pip eigentlich schwul ist! Und ich stehe mit dieser Meinung scheinbar nicht alleine da.
Aus Spoilergründen, will ich auf die großen Enthüllungen und Wendungen nicht weiter eingehen aber auch hier wäre durchaus Luft nach oben gewesen.

Fazit – Große Enttäuschungen
Was bleibt ist eine Geschichte, die wenig kohärent wirkt. So als ob Dickens sich selbst streckenweise nicht sicher war, wo er eigentlich mit seinen Protagonisten hin will. Mal ziehen sich Zeitabschnitte ewig in die Länge, an anderen Stellen wird „vorgespult“.
Mal ist der Schreibstil interessant und mitreißend und dann wieder müßig und belanglos. Alles wirkt irgendwie unperfekt. Das ist Schade, da mir besonders der Anfang sowie einzelne  Charaktere wie Wemmick, Pumblechook und Joe ganz gut gefallen haben.
200 Seiten weniger und ein guter Lektor, hätten hier wahre Wunder wirken können. So bleibt die Geschichte weit hinter meinen Erwartungen zurück.

Wertung 2,5/5

1. Geht gar nicht     2. Is OK     3. Gut    4. Richtig gut    5. awesomatik!

awesomatik Kuriosum
Und wie es der Zufall will wurde der Roman aktuell zum 200. Geburtstag von Charles Dickens als Serie für die BBC neu verfilmt. Mit Gillian „Scully“ Anderson als Miss Havisham. Sieht gar nicht übel aus.


Die älteren Semester erinnern sich vielleicht noch an die zeitgenössische Version von Alfonso Cuarón mit Gwyneth Paltrow und Ethan Hawk.


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Eine Antwort to “Große Erwartungen”

Trackbacks/Pingbacks

  1. awesomatik Books 2012 « awesomatik - 29. Dezember 2012

    […] Great Expectations – Charles Dickens Große Erwartungen, die leider enttäuscht […]

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