Die Einsamkeit des Hirten

26 Apr

Ich weiß nicht ob das Internet, der richtige Ort für Poesie ist aber ich bin gestern zufällig auf ein sehr schönes Gedicht des italienischen Dichters Giacomo Leopardi (1798-1837) gestoßen: Nachtgesang eines wandernden Hirten in Asien (aus der Sammlung Canti. Gesänge.).
Ich fand den Job des Hirten schon immer faszinierend, weil es eine sehr meditative Tätigkeit ist, die wohl noch dadurch verstärkt wird, dass man sich als kleiner Mensch in der weiten Natur bewegt und der Unendlichkeit des Universums ausgesetzt ist. Das kann einen ja nur philosophisch stimmen.  Tut euch den Gefallen und nehmt euch ein paar Minuten, um diesen schönen Diskurs mit dem Mond zu lesen.

Nachtgesang eines wandernden Hirten in Asien

Was machst du, Mond, am Himmel? Sag, was machst du,
Du ewig stiller Mond?
Am Abend erst erwachst du
Und wanderst durch die Oede, und dann ruhst du.
Bist du’s nicht satt, von Neuen
Die immergleichen Pfade hinzugehen?
Entleidet dir’s noch nicht, kann dich noch freuen,
Die Thäler hier zu sehen?
Wie ähnlich doch dem deinen
Ist eines Hirten Leben!
Früh muß er sich erheben,
Die Heerde treiben übers Feld und sieht
Heerden und Au’n und Quellen;
Dann ruht er müde bei des Abends Schimmer,
Und Andres hofft er nimmer.
Sag mir, o Mond: uns Andern
Was frommt uns dieses Leben
Und euer Leben euch? Sag, wohin zielt
Mein kurzes Schweifen hier
Und dein unsterblich Wandern?

Ein Greis, grau und gebrechlich,
Nur halb bekleidet, barfuß,
Den Rücken unter schwerer Last gebeugt,
Der über Berge keucht,
Durch Klüft‘ und Klippen, tiefen Sand und Hecken,
Im Sturm, im Ungewitter, wenn die Luft
Glüht oder eisig glastet, –
Er läuft und läuft und hastet,
Setzt über Ström‘ und Sümpfe,
Fällt hin, steht wieder auf, eilt mehr und mehr,
Zerfetzt, blutrünstig, bis er endlich anlangt,
Wohin der Weg und dessen
Vielfache Mühsal einzig hingelenkt,
Zum unermessnen Abgrund,
Und stürzt hinab, zu ewigem Vergessen.
O keuscher Mond, dies eben
Ist unser Menschenleben.

Schwer tritt ein Mensch ans Licht,
Und tödlich oft ist das Geborenwerden.
Von Leiden und Beschwerden
Wird er empfangen. Gleich zu Anbeginne
Mühn sich die Eltern beide,
Das Kind zu trösten, daß es nun soll leben,
Und wächs’t es dann, so pflegen
Und hegen sie’s und suchen, wie sie können,
Es leichter ihm zu machen,
Das Unglück, daß dem Leide
Der Mensch verfallen ist trotz seinem Streben.
Nichts Bessres weiß zu geben
Der Eltern Lieb‘ und Treu‘ uns Armen, Schwachen.
Allein warum entfachen
Den ersten Lebensfunken,
Wenn Trostes wir bedürfen, daß wir leben?
Warum, wenn Leben Pein,
Verdammt man uns zum Sein?
O reiner Mond, das eben
Ist unser Menschenleben.
Du aber bist nicht sterblich
Und wirst kaum Acht auf meine Klage geben.

Doch du, einsame, ew’ge Wandlerin,
Gedankenvolle, du vielleicht verstehst,
Was dieses Erdenleben,
Dies unser Leiden soll und unser Bangen,
Was unser Tod bedeute, dieses letzte
Erblassen unsrer Wangen,
Dies von der Erde Schwinden und Entschweben
Aus jedem Kreise, der uns traut umfangen.
Du sicherlich verstehst
All das Warum der Dinge, was der Morgen
Für Frucht bringt und der Tag
Und dieser stumm endlose Lauf der Zeit;
Du weißt, du sicher, welchem holden Lieb
Der Lenz zulächeln mag,
Wem gilt des Sommers Glut, und was bezwecken
Des Winters eis’ge Schrecken;
Du weißt ja tausend Dinge, deren Kunde
Dem schlichten Hirten tief verborgen blieb.
Oft wenn ich dich betrachte,
Wie stumm du dastehst überm öden Plan,
Deß ferner Umkreis an den Himmel grenzt,
Oder wie du mir folgst,
Wenn ich die Heerde treibe sacht voran
Und seh‘ die Stern‘ erglänzen dicht und dichter,
Frag‘ ich mich in Gedanken:
Wozu so viele Lichter?
Was soll das weite Luftmeer, jener tiefe
Endlose Aether? Was bedeutet diese
Gewalt’ge Einsamkeit? Und ich, was bin ich?
So grübl‘ ich bei mir selbst; und für dies Haus,
So grenzenlos und herrlich,
Für seine zahllos wimmelnden Bewohner,
Dann für so vieles Mühn, so vieles Regen
Der Wesen all‘, die Erd‘ und Himmel faßt,
Umkreisend ohne Rast,
Um doch zum Ausgang stets zurückzukehren,
Vermag ich weder Grund
Noch Zweck zu ahnen. Aber dir gewiß,
Göttliche Jungfrau, ist dies Alles kund.
Mir ist nur das bewußt,
Daß von dem ew’gen Kreisen
Und meinem schwachen Sein
Vielleicht ein Andrer Lust
Und Vortheil hat; mir ist das Leben Pein.

O meine Heerde dort, wie bist du glücklich,
Weil du dein Elend schwerlich wohl verstehst.
Wie muß ich dich beneiden,
Nicht bloß, weil von Beschwerden
Beinah befreit du gehst
Und aller Mühn und Fährden
Und jeder höchsten Angst so bald vergissest,
Nein, mehr noch, weil dich Langweil nie befällt.
Wenn du im Schatten lagerst, auf der Wiese,
Still und zufrieden bist du
Und bringst in solcher Art
Den langen Sommer ungelangweilt hin.
Und ich auch sitz‘ im Schatten hier im Feld,
Doch Ueberdruß befällt
Mein Herz, und stachelnd wühlt in mir ein Weh,
Daß ich, hier ruhend, ferner bin als je
Von Ruh‘ und Rast und Frieden.
Und dennoch wünsch‘ ich Nichts
Und hatte nie zum Weinen Grund bis heut.
Was dich ergötzt und freut,
Ich weiß es nicht; doch hast du dein Behagen.
Mir ist nicht Viel beschieden
An Glück; doch darum klag‘ ich nicht allein.
Nur, wenn du sprechen könntst, möcht‘ ich dich fragen,
Warum, o liebe Heerde,
In Muße jedes Thier
Sich fröhlich mag begnügen,
Und mir’s zur Last wird, hier so still zu liegen?

Vielleicht, wenn ich mit Flügeln
Mich über Wolken schwingen
Und einzeln all die Sterne könnte zählen,
Oder dem Donner gleich auf Bergen schweifen,
Wär‘ ich beglückter, meine traute Heerde,
Wär‘ ich beglückter, heller Mond dort oben.
Doch irrt vielleicht der Sinn,
Der neidisch blickt nach andern Loosen hin.
Vielleicht in Wieg‘ und Hürde,
Und ob man niedrig sei, ob hoch erhoben,
Ist Allen gleich das Leben eine Bürde.

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