2666 – Roberto Bolaño

13 Jun

awesomatik auf Buchfühlung
2666 – Roberto Bolaño

Vier Germanisten auf der Suche nach einem verschollenen Schriftsteller. Hunderte Frauen ermordet und vergewaltigt in der mexikanischen Grenzstadt Santa Teresa. Ein Universitätsprofessor, der seinen Verstand verliert. Ein amerikanischer Journalist, der in Santa Teresa über einen Boxkampf berichten soll. Und die Geschichte des geheimnisvollen Schriftstellers vom zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart. Hunderte Lebenswege und sich kreuzende Spuren, die in ihrer Gesamtheit ein düsteres Gemälde unserer Zeit zeichnen.

Und wer sich jetzt wundert, wieso es hier lange keine Rezension mehr zu lesen gab: 2666 ist ein Mammutwerk von über 1200 Seiten und besteht eigentlich aus fünf Büchern. Das dauert!

Wie war also dieser Meilenstein der literarischen Evolution (Die Zeit). Wie war das aufregendste Buch eines lateinamerikanischen Schriftstellers seit Gabriel García Márquez‘ „hundert Jahre der Einsamkeit“ (Der Spiegel).
Wie war der Roman,  der Bolaño über Nacht zum Leitstern am Firmament der Weltliteratur  gemacht hat (Welt am Sonntag).

Führt uns Bolaño wirklich in die Grabkammer der Gegenwart (Frankfurter Rundschau), Nimmt er uns mit auf eine Höllenfahrt (Tages-Anzeiger) und benötigen wir eine neue literaturgeschichtliche Bezeichnung: bolañoesk (Frankfurter Allgemeine Zeitung)?

Fest steht, dass es sich hier um ein monströses Werk handelt, das weniger eine konkrete Geschichte erzählt, als vielmehr diverse Themen anhand der Dynamik unserer globalisierten Welt behandelt.

Großartig startet der Roman mit dem Teil der Kritiker. Hier geht es um vier in Europa lebende Literaturkritiker (drei Männer und eine Frau), die sich alle auf den deutschen Autor Benno von Archimboldi spezialisiert haben. Da dieser fiktive Autor die Öffentlichkeit meidet machen sie sich gemeinsam auf die Suche nach dem Objekt ihrer Studien. Dabei kommt es zu einem amourösen Dreieck zwischen den Kritikern.
Von den fünf Büchern ist dieser erste Teil am herkömmlichsten erzählt. Es gibt eine klare Handlung, eindeutige Protagonisten und einen Spannungsbogen. Das Ganze liest sich wie die düstere Version eines Woody Allen Films. Sehr unterhaltsam und für mich das Highlight des Romans.

Der zweite und kürzeste Part ist der Teil von Amalfitano, einem Universitätsprofessor, der in der fiktiven mexikanischen Grenzstadt Santa Teresa lehrt und nach und nach den Verstand verliert. Hier ändert Bolaño seinen Erzählstil. Über innere Dialoge und die Interaktion mit seiner Tochter zeichnet sich beim Leser langsam Amalfitano’s Weg in den Wahnsinn ab.

Der dritte Teil von Fate, dreht sich um den afroamerikanischen Kulturjournalisten Fate, der nach Santa Teresa geschickt wird um über einen Boxkampf zu berichten. Wie schon in den vorigen zwei Geschichten erfährt man en passant von einer Frauenmordserie in der Grenzstadt. Täglich verschwinden Fabrikarbeiterinnen, die später vergewaltigt und ermordet auf Müllhalden wieder auftauchen. Im Gegensatz zum europäischen Jetset-Leben aus dem ersten Buch, herrschen hier Gesetzlosigkeit, Gewalt und Korruption.

Der vierte (und längste) Teil der Verbrechen ist für den Leser eine wahre Tour de Force. Bolaño erzählt keine klare Geschichte mehr, sondern zählt in neutralem Ton den Fund von Frauenleichen auf. Klinisch wird der Zustand der Opfer beschrieben. Fast immer handelt es sich um Sexualstraftaten an Arbeiterinnen aus den Billiglohnfabriken. Das ganze über knapp 400 Seiten!
Dabei gehen die Ermittler nur halbherzig ihrer Arbeit nach. Sie nehmen Verdächtige fest, fordern ihnen unter Folter ein Geständnis ab und sperren sie weg. Doch die Mordserie geht immer weiter und weiter, während die Gesellschaft (und der Leser) hilflos zuschauen.

Im letzten Teil von Archimboldi geht es um das Leben des verschollenen Schriftstellers. Auch hier wechselt Bolaño häufig die Protagonisten und verbindet die Geschichte von Archimboldi mit zahlreichen anderen menschlichen Schicksalen aus dem zweiten Weltkrieg.

Die fünf Teile ergeben zusammen, eine rohe, fiebrige Odyssee durch die Abgründe der menschlichen Natur. Wiederkehrende Themen sind Gewalt und Machismo, Wahnsinn, Bohème, Globalisierung und die Suche nach dem übergeordneten Sinn.
Doch zwischen Leid, Hass und Elend verbirgt sich tief im Sumpf der Grausamkeit das pure, das wilde Leben.

Fazit
Roberto Bolaño ist vor der finalen Überarbeitung von 2666 an Leberversagen gestorben. Diese Unfertigkeit merkt man dem Roman an vielerlei Stellen an. Sie verleiht der Geschichte aber gleichzeitig etwas unangepasstes und unmittelbares. Bolaño’s Kampf ums nackte Überleben liest sich quasi zwischen den Zeilen heraus. Wie ein Getriebener schreibt er sich Geschichte um Geschichte von der Seele.
Vor allem der vierte Teil ist eine Zumutung, die er dem Leser ganz bewusst aufdrängt und ihn immer wieder mit Tod und Elend konfrontiert, bis dieser innerlich um Erlösung fleht. Doch einen Ausweg gibt es nicht.  Auch wenn wir wegsehen, die Verbrechen gehen weiter.
Und so ist 2666 weniger ein Roman als ein experimentelles Gesamtkunstwerk, dass Bolaño uns vor die Füße wirft, uns in seiner Wort- und Bildgewalt nach Luft schnappen lässt, nur um uns am Ende mit unseren Fragen uns selbst zu überlassen. Ein starkes Stück!

Bewertung 3/5

1. Geht gar nicht     2. Is OK     3. Gut    4. Richtig gut    5. awesomatik!


awesomatik Kuriosum

Ich war schon kurz davor den Roman im vierten Teil aufzugeben, weil mir die dort beschriebenen Frauenmorde so absurd und übertrieben vorkamen, bis ich gelesen habe, dass dieser Teil auf wahren Begebenheiten beruht.

Seit Jahren werden in der Grenzstadt Ciudad Juarez hunderte von Frauen (die meist in Billiglohnfabriken arbeiten) sexuell misshandelt und ermordet. Und niemand scheint es zu interessieren. Die Männer aus der patriarchalen mexikanischen Gesellschaft, fühlen sich ihrer Männlichkeit beraubt, weil die Fabriken hauptsächlich Frauen einstellen und diese somit das Geld verdienen. Als Reaktion darauf werden die Frauen missbraucht und massakriert.
Einen absolut empfehlenswerten und wichtigen Artikel zu den Feminiziden gibt es hier.

Seit Jahren setzt sich die Bürgerorganisation Nuestras Hijas de Regreso a Casa für die Frauen und gegen die Straflosigkeit der Täter ein. Unterschreibt hier die Petition dazu und folgt ihnen auf Facebook.

Weitere detaillierte Informationen zum Roman 2666 findet man auf roberto-bolano.de.

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Eine Antwort to “2666 – Roberto Bolaño”

Trackbacks/Pingbacks

  1. awesomatik Books 2012 « awesomatik - 29. Dezember 2012

    […] 8. 2666 – Roberto Bolaño Episches Monstrum von einem Roman. Wirklich überragend war für mich aber nur der erste Teil. […]

    Gefällt mir

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