Mein Herz so weiß

31 Jul

awesomatik auf Buchfühlung
Mein Herz so weiß – Javier Marías

40 Jahre nachdem seine Tante aus ungeklärten Gründen Selbstmord begangen hat, erfährt der ich – Erzähler Juan nach und nach, was die Schwester seiner Mutter in den Freitod getrieben hat.

„Ich halte Mein Herz so weiß für einen der Höhepunkte der europäischen Literatur der letzten Jahre… Es ist jugendlich und reif zugleich, poetisch und intellektuell, stürmisch und nachdenklich, pfiffig und philosophisch, witzig und weise.“ Ken Takel Marcel Reich-Ranicki

Dieses euphorische Lob von Deutschlands Literaturpapst hat mich nicht davon abgehalten den Roman zehn Jahre im Regal stehen zu lassen. Wahrscheinlich hat das Buch derweil still und heimlich gewartet, bis ich die nötige Reife erlangt habe, um es zu lesen. Und so packte ich es vor vier Wochen in meinen Rucksack, um es wenig später vor türkisblauem Meer auf weißem Sandstrand in Indonesien zu lesen.

Und tatsächlich! Mein Kollege Marcel (ich bin mal so frech) hatte Recht! Ein großartiger Roman! Trotz der überschaubaren Länge von 347 Seiten, lässt sich Javier Marías Zeit, die Geschichte langsam aufzurollen. Der Erzähler befindet sich auf einer Hochzeitsreise. Der neue Familienstand ist ihm leicht unheimlich und lässt ihn über das Leben und seine Familie grübeln.
Begebenheiten, die zunächst belanglos oder trivial erscheinen, entwickeln im Laufe der Erzählung immer mehr an Bedeutung.


Seitenfüllende, verschachtelte Sätze prägen Marías Stil.
Bestimmte Passagen werden mantra-artig wiederholt, so dass der Roman quasi eine eigene Melodie bekommt. Neben der Geschichte, der Handlung und seinen Figuren bringt er dem Leser eigene Überlegungen näher. In Mein Herz so weiß dreht sich diese Meditation um Schicksal, Schuld, Liebe, Ehe und die Rolle von Sprache.
Der ernsthafte und nachdenkliche Grundton wird dabei immer wieder durch amüsante Passagen aufgelockert.

Besonders großartig ist eine Episode, in der der Erzähler zwischen zwei hochrangigen Politikern dolmetscht und dabei seine zukünftige Frau kennenlernt. Auch die eigentlich tragikomischen Datingversuche mittels Partnervermittlung seiner New Yorker Kollegin lassen einen wohlig erschauern.

Der aufmerksame Leser wird sich womöglich schon vor dem Ende des Romans, das Mysterium um den Selbstmord der Tante erschlossen haben aber das schmälert das Lesevergnügen nicht.
Mein Herz so weiß ist
ein Lesegenuss in seiner reinsten Form, eine Wohltat fürs Gehirn. Hier wird die Grenze zwischen einem unterhaltsamen Genreroman und Literatur deutlich. Marías spielt in einer eigenen Liga, in der der Stil genauso wichtig ist wie inhaltliche Tiefe.

Fazit
Endlich mal ein Autor, der etwas zu sagen hat. Und das auch noch auf so interessante Weise.
Der langsätzige Schreibstil wird womöglich manche Leser abschrecken aber wer sich darauf einlassen kann, wird mit einem unprätentiösen, poetischen, ernsten und gleichzeitig unterhaltsamen Leseerlebnis belohnt. Erstklassig!

Wertung 4/5

1. Geht gar nicht     2. Is OK     3. Gut    4. Richtig gut    5. awesomatik!

awesomatik Kuriosum
Der Roman erhielt 1997 den International IMPAC Dublin Literary Award.

Mir kam während des Lesens oft der Gedanke, dass der Roman eine tolle Vorlage für einen Almodóvar Film bieten würde. Wie in seinen Filme wurde auch diese Geschichte perfektionistisch komponiert. Marías verwendet dafür Wiederholungen in der Sprache, Almodóvar häufig Farben und andere Stilmittel.  Hier wie da stehen die menschlichen Beziehungen im Mittelpunkt. Außerdem sind beides Madrilenen.


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Mein Herz so weiß: Roman (Literatur)

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2 Antworten to “Mein Herz so weiß”

Trackbacks/Pingbacks

  1. Fernweh 3.0 « awesomatik - 23. August 2012

    […] name of the wind (Rothfuss), Mein Herz so weiß (Marías), Die Beschissenheit der Dinge (Verhulst), The memoirs of Sherlock Holmes (Conan […]

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  2. awesomatik Books 2012 « awesomatik - 29. Dezember 2012

    […] 4. Mein Herz so weiß – Javier Marías Dramatische Geschichte mit komischen Spitzen. Meisterhaft geschrieben. […]

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