Die Korrekturen

6 Dez

korrekturen (1)

awesomatik auf Buchfühlung
Die Korrekturen – Jonathan Franzen

Wer hat Lust ein 780 seitiges Buch über Depression, Parkinson und Demenz zu lesen? Einen Roman über eine dysfunktionale Familie, deren Mitglieder  ihre Karrieren gegen die Wand  fahren und dabei gleichzeitig beim Leser um den Platz des unsympathischsten Protagonisten konkurrieren. Eine generationenübergreifende Geschichte des Scheiterns.

Kaum zu glauben, aber wer jetzt schreiend wegrennt, dem entgeht eine literarische Sensation.

Die Handlung in einem Satz:
Nach fast fünfzig Jahren Ehe, hat Enid Lambert nur ein Ziel: ihre Familie zu einem letzten Weihnachtsfest um sich zu scharen.

Diese triviale Ausgangssituation reicht Franzen, um ein schonungslosen Blick auf die westliche Konsumgesellschaft und den Mikrokosmos Familie zu werfen.
Obwohl seine Charaktere mit Wohlstand und beruflichem Erfolg gesegnet sind, schaffen sie es nicht, in unserer Überflussgesellschaft glücklich zu werden und richten ihren angestauten Frust gegeneinander.

Mit sadistischer Präzision beschreibt Franzen die unausgesprochenen und angedeuteten Gemeinheiten mit denen sich die Lamberts gegenseitig emotional erpressen. 
Vorher lässt er sich reichlich Zeit das Scheitern jedes Familienmitglieds im Einzelnen zu begleiten. Der Uni-Professor Chip, der seine Lehrstelle wegen einer Affäre mit einer Studentin verliert, Gary, der unglücklich verheiratet ist und Angst hat, in die Depression abzurutschen und Denise, die aufgrund sexueller Orientierungslosigkeit ihren Job als Meisterköchin aufs Spiel setzt. 
Die Unzulänglichkeiten der Kinder sind das Resultat einer desaströsen Ehe.
Vater Alfred tyrannisiert als sturer Patriarch die Familie, während Enid lediglich den Nachbarn zuliebe, den Schein des Familienidyll wahren möchte. 

Dass man sich bei einer derart deprimierenden Lektüre nicht die Kugel geben will, liegt einzig und allein an Franzens wahnsinnig gutem Schreibstil. Nur die Besten der Besten sind in der Lage so pointiert und scharfsinnig zu erzählen. Dabei bewegt sich Franzen überzeugend und vokabelreich auf jeglichem Terrain. Sei es Investmentbanking, gehobene Gastronomie, Eisenbahnverkehr oder Krankheit.
Hier greift einfach alles perfekt ineinander. Messerscharfe Beobachtungsgabe und unvergleichliches Erzähltalent. 

Jeder wird sich in irgendeiner Art und Weise hier wiederfinden können, wenn auch nicht unbedingt in diesem extremen Ausmaß. Ein literarisches Dokument unserer Zeit.

Fazit
Jonathan Franzen spielt in einer anderen Liga. Die Korrekturen ist die Bibel des Scheiterns und könnte doch kaum unterhaltsamer sein. Bissig, temporeich, nachdenklich, unbarmherzig und doch versöhnlich. Ein wortgewaltiges Meisterwerk. 100% pure, pulsierende Weltliteratur. Romane wie diese sind der Grund, warum ich lese! Ein gnadenloser Alptraum, den man sich nicht entgehen lassen sollte

Wertung 5/5

1. Geht gar nicht     2. Is OK     3. Gut    4. Richtig gut    5. awesomatik!

awesomatik Kuriosum
Wie so viele literarische Welterfolge, sollte auch Die Korrekturen verfilmt werden. Geplant war eine hochkarätige HBO Serie mit A-listern wie Ewan McGregor und Maggie Gyllenhall. Doch wie es aussieht wird daraus nichts. 

Ich kann die Entscheidung nachvollziehen, da der Roman eine eher profane Handlung hat, die vor allem vom Innenleben der Charaktere lebt. Das muss auf der Leinwand folglich nicht spannend sein. 

Die Handlung  erinnert mich übrigens an „This is where I leave you“ von Jonathan Tropper. Quasi Die Korrekturen light. Das wird auch gerade verfilmt. Hier meine review auf goodreads. 

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Die Korrekturen

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6 Antworten to “Die Korrekturen”

  1. Buchhaendler-Berlin 8. Dezember 2012 um 12:07 #

    Reblogged this on buchhandlerberlin.

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  2. suseliebesuse 10. Dezember 2012 um 20:12 #

    ich muss gestehen, dass ich das Buch nach 3 Seiten weggelegt habe – aber vielleicht wage ich es nochmals!!

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    • Ken Takel 10. Dezember 2012 um 20:52 #

      Also ich denke, dass es bestimmt nicht jedem gefällt aber die ersten zwanzig Seiten solltest du schon lesen, um einen echten Eindruck zu bekommen. Wenn es dich dann nicht überzeugt, kannst du es immer noch als Türstopper verwenden :o)

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  3. Christiane 16. April 2014 um 19:15 #

    Kennst du den Kinofilm „Im August in Orage County“? Er läuft gerade aktuell in den Arthouse Kinos, und die Story ist ungefähr so, wie du sie auch für das Buch beschreibst. Damit ist der Film leider auch keine leichte Abendunterhaltung.

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  1. awesomatik Books 2012 « awesomatik - 29. Dezember 2012

    […] 1. Die Korrekturen – Jonathan Franzen Alle Lobeshymnen sind gerechtfertigt. So gut geschrieben, dass man jubeln will, wie im Fußballstadion. […]

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  2. Schweres Beben – Franzen | awesomatik - 31. Oktober 2014

    […] Lieblingsroman des Jahres 2012 war Franzens Die Korrekturen. Mein Lieblingsroman des Jahres 2013 war Franzens […]

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