Freiheit – Jonathan Franzen

8 Aug

imagesawesomatik auf Buchfühlung
Freiheit – Jonathan Franzen

Mein Lieblingsbuch des Jahres 2012 war Franzens Freedom-Vorgänger „Die Korrekturen“.
Ein Roman, der mich in neue Sphären der Lesefreude geschossen hat und meine über die Jahre erlahmte Begeisterungsfähigkeit in ein jungfräuliches Ausgangsstadium zurückversetzt hat.

Dementsprechend euphorisch sah ich der Lektüre des Folgewerks entgegen. Zugegeben ein Hauch von Besorgnis schwang  mit, denn viele Autoren finden in ihrem Leben nur die Kraft für ein einziges sensationelles Buch.  (Donna Tarrt, I’m looking at you!).

Zudem hat der Roman selbst bei Franzen-Freunden für sehr unterschiedliche Reaktionen gesorgt.

Die Handlung in einem Satz:
„Freedom“ ist die Biographie einer dysfunktionalen Familie und zugleich ein Portrait unserer Zeit. 

Mit dieser Beschreibung könnte man auch Die Korrekturen zusammenfassen. Kann das gewichtige Werk also den immensen Erwartungen der Leser standhalten?

Meine Antwort lautet: Und wie! 

Meine Erwartungen wurden nicht nur erfüllt sondern gesprengt, abgehängt und überrundet.

Ich fühle mich fachlich nicht kompetent genug eine angemessene Rezension zu schreiben aber soviel sei gesagt: „Freedom“ begeistert auf allen Ebenen.

Und davon gibt es jede Menge. Das Leben der Berglunds ist der rote Faden um den Franzen ein Netz aus gesellschaftspolitischen Themen spannt, von Überbevölkerung über Umweltschutz, Korruption und Politik. Das Ganze wie immer anbetungswürdig auf den Punkt gebracht.

Die Handlung ist im Gegensatz zu „Die Korrekturen“ deutlich stringenter erzählt. Und das trotz ständiger Wechsel der Erzählperspektive. Damit erzeugt Franzen einen Sog, der den Leser immer mehr in die emotionalen Abgründe der Protagonisten zieht. Wie ein Abhängiger sehnt man sich nach mehr Information. Und alle voyeuristischen Sehnsüchte werden erfüllt. 

Auch in „Freedom“ wird immer wieder das Thema Depression gestreift, der Grundton des Romans ist aber deutlich versöhnlicher. Die Protagonisten streben danach ihr Leben zu verbessern und schaffen es aus ihren Lebenskrisen stärker hervorzugehen. 

Minimaler Kritikpunkt: Das Liebesdreieck um Walter Berglund wird etwas zu banal aufgelöst (geradezu unwürdig für einen so talentierten Autoren) und auch das Hollywood-Ende will nicht so richtig zum düsteren Grundtenor des Romans passen. 

Fazit – Die intellektuellste Soap-Opera der Dekade
Freedom ist literarisches Crack. Wer einmal reinliest kommt nicht mehr davon los. Ein episches Werk über unsere Zeit. Vom intimen Familienkreis bis zur internationalen Politik.
Leid, Depression und Familienstreitigkeiten waren nie so unterhaltsam. Mehr kann man von einem Roman nicht verlangen. Bleibt zu hoffen, dass Franzen nicht wieder eine knappe Dekade für einen Nachfolger braucht. 

Wertung 5/5

1. Geht gar nicht     2. Is OK     3. Gut    4. Richtig gut    5. awesomatik!

awesomatik Kuriosum
Jonathan Franzen ist passionierter Vogelbeobachter. Davon kann sich jeder bei der Lektüre von „Freedom“ überzeugen. Nicht ohne Grund prangt ein Pappelwaldsänger auf dem Cover. 

Doch seine Leidenschaft spiegelt sich nicht nur in seinen Romanen wieder. Er hält auch Vorträge zu diesem Thema und publiziert Artikel. Zum Beispiel für National Geographic:
Singvögel – Flug in den Tod
Why novelist Jonathan Franzen loves Birds

Auch in meinem Lieblingsartikel über social Media und Tech consumerism findet sich das Thema wieder (Must read!): 
Liking is for cowards, go for what hurts

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Freiheit (deutsch)
Freedom (Original)

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8 Antworten to “Freiheit – Jonathan Franzen”

  1. buzzaldrinsblog 8. August 2013 um 13:13 #

    Ach, was freue ich mich gerade darüber, dass dir das Buch auch so gut gefallen hat, wie mir. Für mein Empfinden reicht es zwar nicht ganz an den Vorgänger heran, also an die großartigen Korrekturen, dennoch habe ich Freiheit als ein sehr lesenswertes Buch empfunden. :-)

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    • Ken Takel 8. August 2013 um 16:44 #

      Kann ich verstehen. Die Korrekturen ist mit Sicherheit das „unbequemere“ Buch und damit vielleicht etwas brisanter. Aber durch „Freiheit“ bin ich im Urlaub durchgebrettert wie ein Zug ohne Bremse :o)

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      • son 10. August 2013 um 08:37 #

        Hallo ihr Beiden,
        dann mache ich mal die Marcella Reich-Ranicki und gebe ehrlich zu, dass ich das Verhalten der drei Hauptcharaktere in Freiheit/Freedom häufig nicht nachvollziehbar und wenig glaubwürdig geschildert fand. Alle drei verhalten sich oft so passiv in ihrem Schicksal und vor allem bei Patty werden die Gründe dafür meist auf ihre verkorkste Kindheit und Jugend zurückgeführt – was mir schlichtweg beim Lesen auf den Senkel ging. Das fing nicht erst bei der wirklich zu kurz geratenen Auflösung der Liebesgeschichte von Walter und Patty am Ende des Buchs an.

        Nichtsdestotrotz bleibt Franzen einer meiner Lieblingsautoren und gefällt es mir auf jeden Fall, dass die Meinungen über das Buch so unterschiedlich ausfallen.

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      • Ken Takel 13. August 2013 um 18:21 #

        Mir ging Patty auch oft auf den Senkel :o) Das passive Verhalten habe ich mir mit depressiven Tendenzen erklärt.

        Aber selbst wenn ich die Charaktere nicht immer mochte, konnte ich trotzdem immer dem Schreibstil etwas abgewinnen.

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  2. mellivinginstuttgart 14. August 2013 um 21:51 #

    Um ehrlich zu sein, mochte ich keinen der Protagonisten. Aber ich konnte das Buch nicht weglegen. Und das macht doch eigentlich ein richtig gutes Werk aus, dass man eben nicht nur weiterliest, weil man sich mit der einen oder anderen Person identifiziert.

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  1. awesomatik Books 2013 | awesomatik - 31. Dezember 2013

    […] Freedom – Jonathan Franzen Letztes Jahr waren Die Korrekturen auf Platz 1. Dieses Jahr Freedom. Gut, besser, Franzen! […]

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  2. Schweres Beben – Franzen | awesomatik - 31. Oktober 2014

    […] Mein Lieblingsroman des Jahres 2012 war Franzens Die Korrekturen. Mein Lieblingsroman des Jahres 2013 war Franzens Freiheit. […]

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